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"Stelle mich sehr gerne der neuen Herausforderung"

15. August 2016

Nach 21 Jahren beim SV 64 Zweibrücken schloss sich Stefan Bullacher in diesem Sommer dem TV Hochdorf an. Der neue Cheftrainer der Pfalzbiber spricht im Interview unter anderem über die Gründe seines Wechsels, die bisherige Zeit mit seiner neuen Mannschaft und seine Zielsetzung für die Saison 2016/2017.

Stefan, weißt Du, was am 18. Februar 2017 ansteht?

»Am 15.02. hat meine Schwester Geburtstag – zum 18. fällt mir spontan nichts ein.«

An diesem Tag gastiert der TV Hochdorf beim SV 64 Zweibrücken. Dein persönliches Spiel der Saison?

»Ja, auf jeden Fall! Persönlicher geht’s gar nicht. Da treffe ich all meine Freunde und einen großen Teil meiner ehemaligen Spieler. Das wird eine emotionale Begegnung meiner Vergangenheit mit der Gegenwart.«

Immerhin warst du 21 Jahre lang Cheftrainer in Zweibrücken. In diesem Sommer folgte der Wechsel nach Hochdorf. Warum?

»In Zweibrücken waren wir eine eingeschworene Einheit von positiv Verrückten. Wir hatten Visionen und Ziele. Wir haben gemeinsam diesen Verein, ohne große Kohle, von der Verbandsliga in die 3. Liga geführt und die Jugend nach Anfängen in der Kreisklasse in der deutschen Spitze etabliert. Ich selbst habe in den vergangen Jahren Angebote aus der 2. Bundesliga ausgeschlagen, weil unser Projekt noch nicht beendet war. Mit den Erfolgen der letzten Jahre hat sich meine Mission mehr als erfüllt. Nun wollte ich etwas Neues kennenlernen und mich neuen Herausforderungen stellen.«

Du hattest nun knapp zwei Monate Zeit, dir ein Bild vom Verein und seinen Strukturen zu machen. Wie fällt dein erstes Urteil aus?

»Absolut positiv. Die Menschen, die ich hier treffe, sind herzlich und offen. Die Trainingsbedingungen im Sportzentrum sind gut. Die Spieler ziehen super mit und im Umfeld gibt es viele fleißige Hände, die mir die Arbeit erleichtern.«

In Zweibrücken hat man in der Vergangenheit viele Spieler aus der eigenen Jugend hochgezogen und sie dort geformt, z.B. Jerome Müller, Björn Zintel und nun Robin Egelhof. In Hochdorf wurde die Nachwuchsförderung unter der Leitung von Jugendkoordinator Nik Dreyer intensiviert. Trägt die Arbeit bereits Früchte?

»Nik und sein Trainerteam leisten tolle Arbeit. Die Erfolge sind auf regionaler Ebene unübersehbar. Landesmeistertitel und Pokalsiege sowie die Berufung von vielen Spielern in die Auswahl sind eindeutige Indizien dafür. Diese Aufbauarbeit hat aber erst vor drei Jahren begonnen und es ist nicht passend, sie mit 21 Jahren Zweibrücken zu vergleichen. Dort waren am Ende Spiele gegen die Füchse Berlin oder TuSEM Essen um die Deutsche Meisterschaft und Nominierungen für die Jugend- und Juniorennationalmannschaft an der Tagesordnung.«

Zum Unterbau gehört auch die zweite Mannschaft. Nun ist der TV Hochdorf II nach einem Jahr Verbandsliga aber wieder in die A-Klasse abgestiegen. Wie wichtig ist eine hochklassig spielende Reserve für die Anschlussförderung und wie hoch muss das Team idealerweise spielen?

»Jugendarbeit und die zweite Mannschaft gehen für die Förderung der Talente Hand in Hand. Es ist wichtig, dass die A-Jugend-Spieler schon so früh wie möglich Erfahrungen bei den Herren sammeln. Da ist eine zweite Mannschaft wichtig. Je höher die Spielklasse, desto besser.«

Kommen wir zu ersten Mannschaft: Beim TV Hochdorf fand ein großer Umbruch statt. Nicht weniger als zehn Spieler haben den Verein verlassen, dem gegenüber stehen sieben Neue. Eine Herkulesaufgabe für dich als Trainer?

»Ich hätte sehr gerne viele Spieler aus dem alten Kader, allen voran Tim Beutler, behalten. Leider war das aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht möglich. Das muss ich akzeptieren. Ich stelle mich aber sehr gerne der neuen Herausforderung.«

Wie viel Mitspracherecht hattest du denn bei den Neuverpflichtungen?

»Von den sieben Neuzugängen sind sechs unter 21 Jahre alt. Ich habe mir aber alle Neuen selbst ausgesucht und vertraue auf ihr Potential. Ich glaube, dass wir eine sehr gute Mischung aus Talenten und gestandenen Spielern haben. Mit der jüngsten Mannschaft aller Zeiten in Hochdorf einen neuen Abschnitt einzuleiten, empfinde ich als eine spannende Aufgabe.«

Die Frage ist bewusst provokant gestellt: Ist diese Mannschaft nicht zu jung?

»Es gibt für mich kein jung oder alt. Am Ende zählt die Leistung. Mit Paul Drux und Fabian Wiede spielen gerade zwei 20-Jährige in Rio für Deutschland. Warum sollten dann 18- und 19-Jährige nicht in der 3. Liga bestehen können?«

Ein weiterer Kritikpunkt: Nach der Verletzung von Dominik Claus wird Alexander Falk bei der TSG Friesenheim gebraucht und somit stehen in Daniel Lanninger, Robin Egelhof und Emanuel Novo nur drei Linkshänder im Kader. Zu wenig?

»Eigentlich habe ich zurzeit nur noch zwei Linkshänder zur Verfügung, weil sich Robin Egelhof im Training bei der TSG den Fuß gebrochen hat. Alex war in Absprache mit Friesenheim als vierter Linkshänder fest beim TVH eingeplant. Das hat sich leider durch die Verletzung von Dominik Claus geändert. Dass wir Alex daher wohl gar nicht in Hochdorf sehen werden, ist weder so geplant gewesen noch zufriedenstellend.«

Wie lässt sich das vereinsintern kompensieren? Linkshänder sind sowohl in der zweiten Mannschaft als auch in der Jugend rar gesät.

»Leider gar nicht. Der einzige Spieler für diese Position aus der A-Jugend ist auch verletzt. Zurzeit entlastet vor allem Niklas Schwenzer das Team als Rechtshänder zusätzlich auf der rechten Rückraumposition.«

Themenwechsel. Eine kleine Anekdote: Bei der Fußball-WM 2002 schlug Südkorea Italien im Achtelfinale nach 115 Minuten im Golden Goal. Die italienische Presse vermutete aufgrund der beinahe übermenschlichen Laufleistung der Südkoreaner die Einnahme von verbotenen Substanzen beim Gegner und stellte deren Fitnesscoach zur Rede. Der sagte nur: »In vielen Ländern geht man davon aus, dass man zunächst einmal Fitness haben muss, um Fußball zu spielen. Wir sagen: Wenn Du Fußball spielst, bekommst Du Fitness.« Warum ich das erzähle? Auch du hast mit der Mannschaft ausschließlich in der Halle trainiert und auf Waldläufe verzichtet. Nun münzen wir das Zitat mal auf Handball um: Hat der südkoreanische Fitnesscoach Recht?

»Ein ehemaliger Mitspieler von mir, der schon in der 2. Liga gespielt hat, hat mal gesagt: »Kein Spiel wird auf der Laufbahn gewonnen«. Ich selbst denke: »Kondition ist nicht alles, aber ohne Kondition ist alles nichts«. Handball wird in der Halle gespielt und dort holen sich die Spieler auch die Voraussetzungen für den Erfolg.«

Wie ist dein Gesamteindruck von der Mannschaft nach knapp zwei Monaten gemeinsamer Zeit? Was hat dir schon imponiert, wo müssen noch Schrauben gedreht werden?

»Die Spieler sind unglaublich fleißig. Wir haben ein komplett neues Spielsystem und das braucht Zeit. Das Niveau im Training ist hoch, aber emotional haben wir noch Potential nach oben. Wir machen dabei aber von Spiel zu Spiel Fortschritte. Sorgen bereitet mir lediglich die vielen Verletzungen. Im Wechsel mussten wir auf Steffen Bühler, Daniel Lanninger, Nikola Sorda, Chris Klee, Robin Egelhof, Ladi Kovacin, Alex Falk und Vincent Klug verzichten.«

Sind die Neuzugänge schon gut integriert?

»Robin Egelhof und Tim Götz sehe ich als Stammspieler. Ladi Kovacin und Lennart Schulte haben sich im Tor bisher sehr gut ergänzt. Vincent Klug ist leider verletzt, hat aber sein Können schon aufblitzen lassen. Niko Sorda, Benny Bayer und Emanuel Novo machen ihre Sache gut. Ich bin mit den Jungs absolut zufrieden.«

Gerade ein so junges und frisch zusammengefundenes Team braucht Leader: Wer wird dein Team als Kapitän aufs Feld führen und wem könntest du eine Leader-Rolle noch zutrauen?

»Steffen Bühler ist in diesem Team der unumstrittene Chef als Kapitän, auf und neben dem Platz. Er ist Anführer, Vorbild und Führungspersönlichkeit in einem. Sein Stellvertreter Daniel Lanninger ist der Emotional Leader. Jan Claussen, Niklas Schwenzer und Robin Egelhof gehen als Leistungsträger vorneweg. Sie stellen sich ihrer Aufgabe.«

Wie sieht deine Spielphilosophie aus?

»Aus einer aggressiven 3:2:1-Deckung schnell nach vorne spielen und im gebundenen Angriffsspiel variabel und besonnen agieren.«

Lass’ uns abschließend noch einen Blick auf den Rest der Liga werfen. Wer sind deine Meisterschaftsfavoriten, wer muss gegen den Abstieg kämpfen?

»Ich denke, die SG Nußloch und die TGS Pforzheim mit ihrer entsprechenden Kaderplanung sind zusammen mit dem letztjährigen Vize-Meister der Ost-Staffel, dem TuS Fürstenfeldbruck, in der Favoritenrolle. Der Abstieg wird wieder über den Willen entschieden werden. Da sehe ich keinen Verein, der chancenlos sein soll.«

Und der TVH?

»Sowohl der Anspruch im Umfeld als auch der Umbruch im Kader in Hochdorf ist groß. Wir wollen mit guten Leistungen die Zuschauer im Sportzentrum begeistern, ohne uns ein Platzierung als Ziel aufzuerlegen. Ich bin mir aber vollkommen bewusst, dass hier mit Platz zehn niemand zufrieden sein wird.«

(Interview: Tobias Faller, 14.08.2016)

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