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»Wir haben gelernt und unsere Lehren gezogen« – Stefan Bullacher im Interview

09. Mai 2017



Hallo, Stefan. Wo steht denn die Kilometeranzeige in deinem Wagen?

»Zurzeit bei 47000 Kilometer.«

Du fährst — einfache Strecke — hundert Kilometer von Zweibrücken nach Hochdorf. Und das fünfmal pro Woche! Wieso?

»Christian Deller und Christian Gutland haben mir Ende 2015 das neue Konzept des TV Hochdorf vorgestellt. Der Verein wollte sich mit jungen Talenten, möglichst aus der Region, neu aufstellen. Die Zukunft in der Dritten Liga sollte nicht mehr durch die Verpflichtung von fertigen und erfahrenen Handballern gesichert werden. Die Ausbildung und Weiterentwicklung junger Spieler für die Dritte Liga bzw. durch die Kooperation mit der TSG Friesenheim für die Zweite Liga sollte absolut Vorrang haben. Der neue TV Hochdorf sollte sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, den Entwicklungsprozess selbst gestalten und somit zu einer attraktiven Adresse für junge Spieler mit Perspektive werden. Dass so ein Prozess Zeit braucht und Rückschläge beim Mannschaftserfolg eingeplant werden müssen, war dabei eingeplant. Das hat mich absolut überzeugt.«

Das wird sicherlich auch der Grund für deine Vertragsverlängerung bis 2019 gewesen sein, die schon seit Oktober offiziell ist.

»Genau – dieses Konzept basiert auf Kontinuität. Da wollte ich als verantwortlicher Trainer voran gehen und den Jungs ein klares Signal geben, dass unser gemeinsamer Weg keine Eintagsfliege ist. Bis auf Robin Egelhof, der seinen Weg bei der TSG Friesenheim mindestens eine Spielklasse höher fortsetzen darf, sind auch alle Talente an Bord geblieben. Das hat mich sehr gefreut.«

Deine erste Saison in der Vorderpfalz ist nun vorüber. Wie fällt nach 30 Ligaspielen dein Fazit aus?

»Das Umfeld in Hochdorf ist unglaublich engagiert. Es gibt viele ehrenamtliche Helfer, die sich um alles Mögliche kümmern. Ich wurde super nett und sympathisch aufgenommen und viele fleißige Hände haben mich bei meiner Arbeit unterstützt. Ich fühle mich beim TVH wirklich sehr wohl.

Personell gesehen lief diese Saison nicht optimal. Der erste Schock war der Abgang von Alex Falk nach zwei Wochen. Hier hatten wir im Vorfeld mit der TSG eine klare Absprache, dass er auf jeden Fall für den TVH spielen wird. Trotz des Ausfalls von Niki Claus hätte die TSG das sicher besser lösen müssen, denn Robin Egelhof wurde bei uns auch dringend gebraucht, und trotzdem haben wir ihn montags, mittwochs und für die Spiele der TSG freigestellt. Die zweite Hiobsbotschaft war die dauerhafte Verletzung von Vincent Klug. Christopher Klee war bis November verletzt und fand nur sehr schwer zu erwarteter Leistungsstärke. Robin Egelhof fiel durch seinen Fußbruch in der Vorbereitung und sein Labrumriss im März insgesamt fast sechs Monate aus. Steffen Bühler fehlte durch seinen Muskelfaserriss am zweiten Spieltag und aktuell durch seine Schulterverletzung bei einem Drittel der Spiele. Da fallen die zeitweiligen Ausfälle von neun weiteren Spielern im Verhältnis kaum noch in Gewicht.«

Wie bist du und wie ist die Mannschaft damit umgegangen?

»Die ganze Saison war ein Wellental von Erfolgen und Rückschlägen. Auf überragende Auftritte, wie unseren Sieg in Haßloch, folgten unerklärliche Niederlagen, wie in der Woche danach in Kronau. Das zehrt auch an der Psyche der Jungs und hat sie verunsichert. Wir haben uns immer wieder kritisch mit unseren Leistungen auseinandergesetzt und versucht, aus unseren Fehlern zu lernen. Dabei konnten wir uns im Umfeld auf unsere treuen Fans verlassen, die uns auch nach schlechten Spielen immer wieder unterstützt haben. Die vereinzelten kritischen Stimmen, die nach Misserfolgen unseren Weg in Frage stellten, sind emotional verständlich. Damit muss man leben. Die Jungs haben mit der Zeit gelernt, damit umzugehen.«

In der Abschlusstabelle steht nun Platz zwölf zu Buche.

»Trotz dieser Rückschläge können wir mit der Platzierung nicht zufrieden sein, weil wir unser Leistungsvermögen nicht konstant abgerufen haben. Zu häufig waren Chancenverwertung und teilweise die Fokussierung auf den Gegner nicht optimal. Ich denke, dass zehn Punkte mehr möglich gewesen wären, was am Ende Platz fünf bedeutet hätte.«

Was wäre denn deiner Einschätzung nach drin gewesen, wenn uns das Verletzungspech nicht so hart getroffen hätte?

»Auf jeden Fall eine Platzierung in der Spitzengruppe. Ich mache das mal alleine am Beispiel von Robin Egelhof fest: Mit ihm haben wir in 19 Spielen 18 Punkte geholt und ohne ihn in elf Spielen gerade mal sechs. Und das ist nur ein Spieler von den oben genannten fünf dauerhaften Ausfällen!«

Das alles ist besonders ärgerlich, weil die Saison 2016/2017 als Übergangsjahr dienen sollte. Nun standen dir im Training aber kaum Spieler zur Verfügung, sodass der Übergang nur schleppend eingeleitet werden konnte.

»Ja, leider. Aber daraus haben wir auch gelernt und unsere Lehren gezogen. An erster Stelle steht die Erkenntnis, dass der Kader zu klein war. Viele Konkurrenten in Liga drei haben als Unterbau ein Team in der Jugend-Bundesliga oder eine zweite Mannschaft in einer Leistungsklasse, mit der man Ausfälle kompensieren kann. Die Top-Teams verfügen über einen breiten Kader, in dem jede Position doppelt, mit gestandenen Spielern, besetzt ist, was für uns finanziell nicht darstellbar ist.«

Mit welchen Maßnahmen willst du den Übergang jetzt fortführen?

»Zur neuen Saison haben wir die Anzahl der Feldspieler auf 14 erhöht. Darunter ist z.B. Dominik Lenz, der als Jugendspieler ein Gastspielrecht für die TSG Friesenheim in der Jugend-Bundesliga erhalten wird. Wie auch schon in dieser Saison werde ich unsere Talente der A-Jugend und der zweiten Mannschaft in den Trainingsprozess integrieren. Perspektivisch streben in der Zukunft den Aufstieg unserer Jugend in die Bundesliga und der zweiten Mannschaft idealerweise in die Pfalzliga an.«

Dass unseren jungen Spielern von Anfang an so viel Vertrauen geschenkt wurde, führte dazu, dass diese in dieser Saison einen großen Schritt gemacht haben.

»Was die Ausbildung der Talente angeht, können wir absolut zufrieden sein. Niko Sorda und Tim Götz haben sich in ihrer ersten Drittliga-Saison zu absoluten Leistungsträger entwickelt. Robin Egelhof ist zum Zweitligaspieler gereift. Benni Bayer und Manu Novo haben den Sprung aus der Oberliga bzw. Jugend in die Dritte Liga geschafft. Auch Vincent Klug hat in seiner kurzen Zeit, z.B. mit seinen neun Toren im Spiel gegen Nußloch, gezeigt, welches Potenzial in ihm steckt.«

Du sprichst vor allem die jungen Spieler an. Wie haben sich die »Gestandenen« geschlagen, für die diese Situation sicherlich auch ungewohnt war?

»Bei den gestandenen Spielern waren vor allem Niklas Schwenzer und Steffen Bühler eine Bank. Sie haben, auch auf für sie ungewohnten Positionen, viele Löcher im Team gestopft. Daniel Lanninger hat das Team emotional immer wieder eingeschworen. Er hat das Herz am rechten Fleck und als Hochdorfer Bub fließt nicht nur sprichwörtlich das grüne Blut in seinen Adern. 

Der geplante Umbruch im Team war deutlich schwieriger als erwartet. Die Jungs haben eine unterschiedliche Vergangenheit und Zukunftsplanung. Daraus resultieren unterschiedlichen Erwartungshaltungen.«

Wenn du dir ein Spiel oder eine Szene in dieser Saison als dein absolutes Saisonhighlight aussuchen müsstest, was wäre es?

»Auf jeden Fall die beiden Siege gegen den Lokalrivalen aus Haßloch. Auch wenn ich 100 Kilometer entfernt von Hochdorf wohne, hat mich schon im Vorfeld das Derbyfieber gepackt. Durch den Zuspruch, die Erwartungen und Hoffnungen im Umfeld wird der absolute Wille zum Erfolg durch deine Blutbahn gepumpt. Die Kulisse in beiden Spielen mit über 1000 Zuschauern war überragend. Vor allem unser Fanclub, der uns auch zu allen Auswärtsspielen begleitet, hat die Mannschaft angetrieben. Die Stimmung in beiden Derbys war bundesligareif!«

Viele Spieler sind deinem Vorbild in Sachen Vertragsverlängerung gefolgt, nichtsdestotrotz verlassen vier den Verein zur kommenden Saison. Wie wichtig ist es, die von dir vorhin angesprochene Kontinuität in den Kader hineinzubekommen?

»Natürlich sind die Abgänge schmerzhaft, aber so ist nun mal das Geschäft. Robin und Ladi, die wir sehr behalten hätten, werden Profiverträge unterschreiben. Dafür muss man einfach Verständnis haben. Zur neuen Saison haben wir eine junge und hungrige Mannschaft. Ich hoffe, dass wir mit diesen Spielern über einen langen Zeitraum kontinuierlich arbeiten können. Nußloch, Horkheim, Balingen, Großsachsen, Pforzheim und, wenn man von ihrem Punkteabzug mal absieht, Fürstenfeldbruck, die die Plätze eins bis sechs einnehmen, sind Vereine, die über Jahre eingespielt sind. Kontinuität ist der Schlüssel zum Erfolg.«

Du musst nun sieben neue Spieler in den Kader integrieren. Wie viel Mitspracherecht stand dir bei deren Auswahl zu?

»Wir haben viele Talente aus der Region und auch darüber hinaus beobachtet. Für die meisten jungen Menschen beginnt nach dem Abitur ein neuer Lebensabschnitt, der gegebenenfalls auch mit einem Umzug verbunden ist. Torben Waldgenbach, Arne Ruf, Roy James und Lazar Minic haben ihren Lebensmittelpunkt durch Beruf oder Studium in unsere Region verlegt.

Mit Marvin Gerdon, der aus Hochdorf-Assenheim stammt, wechselt ein starker Spieler zu seinen Wurzeln zurück. Tom Jansen bzw. Dominik Lenz sind Jungs, die schon in ihrer frühen Jugend für den TV Hochdorf gespielt haben. Es wurde kein Spieler verpflichtet, den ich nicht wollte!«

Du bist dafür bekannt, hohe Ansprüche an dich selbst wie an deine Spieler zu stellen. Was muss ein Spieler leisten können, um unter deiner Leitung zu bestehen?

»Die Anforderung an jeden Spieler, egal ob jung oder alt, ist einfach: Er muss besser werden wollen. Wir wollen Leistung entwickeln, nicht verwalten. Dazu gehören viermal Handballtraining und zusätzlich individuelles Krafttraining im Fitnessstudio, ebenso wie die kritische Auseinandersetzung der eigenen Leistung durch Videoanalysen. Auch bei der Vorbereitung auf den nächsten Gegner spielt der kognitive Aspekt durch Videosequenzen eine wichtige Rolle. Wer mehr investiert, hat eine größere Aussicht auf Erfolg.«

Ein paar Zahlen: Der älteste Neuzugang, Lazar Minic, ist 22 Jahre alt; der älteste neue Feldspieler, Roy James, ist 21. Der Altersdurchschnitt deines 16-Mann-Kaders beträgt 21,5 Jahre. Ist die Altersstruktur der Mannschaft nur ein bloßer Zufall?

»Ganz sicher nicht! Die jungen Spieler haben ihre Zukunft noch vor sich, und dabei wollen wir sie unterstützen, entwickeln und begleiten. Aber am Ende ist nicht das Alter, sondern die Einstellung zum Sport entscheidend. Ladi Kovacin und Steffen Bühler, die vergangene Saison mit 30 Jahren oder mehr meine ältesten Spieler waren, waren in dieser Hinsicht absolute Vorbilder.«

Otto Rehhagel hat mal gesagt: »Es gibt keine jungen und alten Spieler, nur gute und schlechte.

»Jugend schützt vor Fehlern und auch vor guten Leistungen nicht. Wir sollten dem Team Zeit geben und ihm Vertrauen schenken, dann werden wir an unserem neuen Mannschaft noch viel Freude haben.«

Wir wissen, wie jung sie ist, aber wie gut ist sie?

»Die neue Mannschaft hat ein großes Potenzial. Da sind wirklich tolle Jungs dabei. Wir haben viele Spieler in unserem Team, die im Angriff flexibel einsetzbar und darüber hinaus exzellente Verteidiger sind. Das waren auch die Spielertypen, nach denen ich Ausschau gehalten habe. Wenn wir es schaffen, diesen Kader über einen längeren Zeitraum zusammenzuhalten, wird sich der Erfolg automatisch einstellen.«

Eine letzte Frage: Wie verbringt Stefan Bullacher eigentlich die handballfreie Zeit im Sommer?

»Eine handballfreie Zeit gibt es bei mir eigentlich nicht. In den fünf Wochen Trainingspause muss die Vorbereitung geplant werden und zusätzlich bin ich für verschiedene Handballverbände als Referent bei Trainerfortbildungen unterwegs. Aber ich genieße die gemeinsame Zeit mit meiner Frau und meinen drei jugendlichen Kindern. Meine Familie ist mein großer Rückhalt. Ohne ihre Unterstützung wäre der Trainerjob in Hochdorf nicht machbar.«

(Von Tobias Faller, 09.05.2017)

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